Moonstruck


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Barbara Buchholz – MOONSTRUCK
Barbara Buchholz in Zusammenarbeit mit Jan Bang, Tilmann Dehnhard, Ulrike Haage, Arve Henriksen, Alejandro Govea Zappino, Kammerflimmer Kollektief, Jan Krause, Susanna and the Magical Orchestra

INT 33822


Die Versöhnung von Technologie und Emotion
Lenin war begeistert. Er lud ihn zum Vorspielen in den Kreml ein. Leon Theremin (1896–1993), Physiker, Cellist, Forscher und Visionär, war so etwas wie ein sowjetischer Faust. „Alles ist möglich“, war seine Maxime und stets hat er maximal gedacht. Brücken wollte er sparen und Autos auf elektromagnetischen Wellen über die Flüsse bringen. Menschen wollte er einfrieren und später aufgetaut weiterleben lassen. Das Internet hat er vorgedacht und nachdem ihn der KGB kriegte, hat er ihm diverse Wanzen gebastelt. Berührungslose Technologien faszinierten ihn, dafür ist er hart angefasst worden in einem Leben, das wie ein Romanstoff war. 1928 hat man ihm sein Theremin patentiert und ihn auf Welttournee geschickt. Er sollte den Amerikanern die technologische Überlegenheit der Sowjets demonstrieren.
Das Theremin ist ein seltsames Musikinstrument. Man bedient es, ohne es zu berühren. Nach Geige klingt es oder nach singender Säge, in den tiefen Registern wie ein Horn. Schwer zu fassen sind seine aus der Luft gegriffenen Klänge. Es sendet spacige Signale und war das erste wirklich funktionierende elektronische Instrument. Die Amerikaner liebten diese Geistermusik als großes und verrücktes Ereignis. Theremin blieb zehn Jahre und erlebte bis zur alles nach unten relativierenden Wirtschaftskrise einen Hype bis hin zu Kampagnen wie „A Theremin in Every House“ als zugeneigter Rettungsversuch für die Hausmusik in der Radio-Ära. 1938 zurück daheim war es vorbei mit der Zuneigung. Stalin schickte ihn in den sibirischen Gulag und ins Gefängnis, in dem er des ungestörten Forschens wegen später freiwillig geblieben sein soll. Dann galt er lange als verschollen und arbeitete im Dienste des Dienstes. Kurz vor ihrer Auflösung durfte er dann doch noch in die KPdSU eintreten. Theremin war tatsächlich ein Mann neben der Zeit.
Das nach ihm benannte Instrument ist so exotisch, wie ihre Spieler besonders sind. Sie müssen mit ihrem Körper im Gleichgewicht sein und ihn einsetzen. Dabei sehen sie ein wenig seltsam aus, als würden sie in eine imaginäre Ferne starren, wozu sie sich tänzerisch bewegen. Sie zaubern mit ihren Fingern zwischen zwei Antennen, von denen eine für die Tonhöhe und die andere für die Lautstärke zuständig ist.
Als Kuriosum für Science-Fiction-, Psycho- und Horrorklänge fand es in Hollywood Verwendung. Shostakovich nutzte es und Steffen Schleiermacher schrieb ihm ein Konzert. Die Beach Boys brauchten es für „Good Vibrations“ und Led Zeppelin für „Whole Lotta Love“. Tom Waits brauchte es für die schrundige Musik seines Stückes „Alice“, das er Anfang der Neunziger mit Robert Wilson auf die Bühne brachte. Das Theremin in der Inszenierung des Hamburger Thalia Theaters bediente Lydia Kavina, die Großnichte des Erfinders.
Als Barbara Buchholz, Bassistin und studierte Flötistin aus Berlin, das sah, staunte sie und verliebte sich ebenso schlagartig wie anhaltend in das Instrument. Ende der Neunziger dann hat sie Lydia Kavina kennengelernt, um ihr wenig später nach Moskau zu folgen und bei ihr zu lernen. Sie war seltsam fasziniert von der extremen Atmosphäre der Stadt, die scheinbar keine Mitte hatte zwischen Arm und Reich, Schräg und Schön, Melancholie und Punk und ließ das in ihre erste CD „Theremin: Russia with Love“ fließen, die dann vor allem melancholisch geriet und ihre Lehrzeit beendete.
Thereminspieler sind eine seltene Spezies, vor allem wenn sie nicht nur schlichte, gern bei ihnen nachgefragte Effekte vorführen, sondern ihre Sounds in ein durchgängiges Programm kanalisieren. Weil ihr das mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit gelingt, ist die nun erschienene dritte CD „Moonstruck“ von Barbara Buchholz so bemerkenswert. Man hört einen großen Fluss statt effektvoller Klischees, Zusammenspiel statt Soloeskapaden, Vertrautes statt auf Kurioses setzenden Irritationen. Zwischen Ambient, Jazz, Electronica und einer Prise Pop präsentiert Barbara Buchholz ihren ureigenen Klangkosmos und dessen Perspektiven, indem sie sich mit wechselnden geistesverwandten Musikern umgibt und trotzdem ein stimmiges Ganzes wachsen lässt. Dabei muss sie gar nicht immer aus dem Zentrum heraus Regie führen, sondern nuanciert, forciert oder formt aus dem Hintergrund spannende Klangfarben. Die Atmosphäre ist durchgehend mild, manchmal fast sakral, wobei zentrale Konsenspunkte die neue Musik Skandinaviens mit ihrem Faible für berückende Naturlandschaften bildet.
Sanft pulsende Beats und tockende Rhythmen hört man mit schwelgerisch-suggestiven Klangschleifen darüber, die ebenso eingängig wie eindringlich sind. Bis fast zur Ununterscheidbarkeit verschränkt sich das Theremin mit Arve Henriksens Trompetenhauch, treibt wie somnambul hinter der Stimme von Susanna and the Magical Orchestra, zirpt über der leisen Ironie des Kammerflimmer Kollektiefs, flirrt zu Ulrike Haages Piano-Perkussion oder taucht in die magischen Soundscapes von Jan Bang ein wie in den Ozean. Und wenn sich Barbara Buchholz im grandiosen Ohrwurm-Finale mit dem Gitarristen und Sänger Alejandro Govea Zappino aus Uruguay trifft, gibt das viel mehr als nur einen sensationell guten Pop-Song.
Diese CD ist die bis ins Detail stimmige, gar nicht auftrumpfende Platzierung eines Instruments vom äußersten Rand mitten hinein ins Zentrum. Fragt man Barbara Buchholz, ist sie überzeugt davon, dass es dorthin gehört: „Ich finde, das Theremin ist ein wirklich zeitgenössisches Instrument. Elektronische Musik hat bisher auf einer sehr technischen Ebene stattgefunden. Computerburgen auf Bühnen, wo man nicht erkennen konnte, wer eigentlich für die Musik verantwortlich ist. Beim Theremin sieht man jede Regung des Spielers. Man kriegt sofort mit, dass sich da etwas überträgt. Nach der vorwiegend technischen Auseinandersetzung mit elektronischer Musik gibt es jetzt ein Bedürfnis nach deren emotionaler Seite. “ Dafür ist mein Instrument absolut geschaffen und hier ist auch der Punkt, wo man es von allem Nostalgiestaub befreien kann.“ Tatsächlich: Noch nie ist das so beiläufig überzeugend gelungen wie auf dieser faszinierenden CD.

Barbara Buchholz: Moonstruck. Intuition INT 34022. Spieldauer: 46:11
5.3.09 Rheinischer Merkur, Ulrich Steinmetzger
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